Freitag, 23. Oktober 2015

Placebo forte! Wie uns Softwareanbieter veräppeln



Da wird ein Software-Produkt viele hunderttausend Mal verkauft. Doch im c't-Test erweist es sich als nutzlos. Die Redakteure wählten deshalb die nach ihrem  Ermessen passende Bezeichnung "Placebo-Software".

Der Distributor klagt. 

Das Gericht entscheidet im Eilverfahren, daß dieses Urteil in den Kurzbericht nicht genügend und für den Leser nachvollziehbar untermauert worden sei. 

Also schob die Redaktion zwei Artikel nach, testete nochmals die Software und zerlegte sie bis ins Kleinste. Die Redaktion schaffte es sogar, das Programm zu "disassemblieren". Und bei weiterer Prüfung stellt sich heraus:  die Software enthält nicht einmal Code, der die versprochenen Funktionen bieten könnte. 

Das Disassemblieren war viel einfacher als erwartet, und zwar aus folgendem simplen Grund: Die beiden virtuellen Gerätetreiber (VxD), die SoftRAM unter Windows 3.1 zum Einsatz bringt, sind von den Originalen "abgeleitet". Microsoft gibt die Quelltexte im "Windows Device Driver Development Kit" (DDK) an Entwickler weiter – mit dem Rat, diese als Basis für eigene Entwicklungen zu nutzen. Allerdings verlangen die Lizenzbestimmungen eine "substantielle" Erweiterung der Basis, bevor man das Ergebnis als eigenes Produkt verkaufen darf. 

Die Bestseller-Software der Firma Syncronys Softcorp ist also ein faules Ei, stellt die Zeitschrift c't fest.

Der extrem ausführliche Beitrag ist lesenswert, weil er ganz generell aufzeigt, wie wir User veräppelt werden. Aber nicht nur die User - eventuell auch die Aktionäre, die in den zeitweiligen Höhenflug der Aktien des Anbieters investierten, bevor der Kurs abstürzte. Auch das wird in dem Artikel durchleuchtet:
Placebo forte - was wirklich hinter SoftRAM 95 steckt
von Ingo T. Storm, Christian Persson
http://www.heise.de/ct/artikel/Placebo-forte-284374.html

Offene Frage an Microsoft

Die Redakteure stellen eine weitere Frage, nämlich wegen des Microsoft-Prüf-Logos. Haben diese überhaupt einen Wert? Deshalb schreiben sie in einem Zusatzartikel:

Eine Frage ist noch offen, nämlich die nach der Glaubwürdigkeit von Microsofts Logo-Programm. Laut Syncronys Softcorp erhielt SoftRAM 95 Anfang September das Windows-95-Logo – es wurde auf die Verpackung gedruckt. Microsoft hat die Tests an die Firma VeriTest delegiert. Die hat angeblich nicht nur Kompatibilität, sondern auch Funktionalität geprüft, mit dem Ergebnis: "Arbeitet wie erwartet". Wie konnte ein Produkt das Logo bekommen, das keine Funktionalität besitzt?... (weiterlesen:
http://www.heise.de/ct/artikel/Placebo-forte-284374.html

Später stellte sich heraus, daß sich die Redaktion Arbeit fast hätten sparen können: Zwei Programmierer in den USA hatten, unabhängig voneinander, ebenfalls Verdacht geschöpft und SoftRAM analysiert.  Sie waren  zu denselben Ergebnissen gekommen. Einer der beiden, Dr. Mark Russinovich, Dozent für Computer Engineering an der Universität von Oregon, hat seine Erkenntnisse inzwischen in einem offenen Brief an Syncronys Softcorp dargelegt.

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